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Ein bisschen fühlt man sich als Held

Toller Arbeitsplatz: Andree van Hoorn in der Fahrzeughalle 

# Was ist Ihnen persönlich lieber: die Tages- oder die Nachtschicht?

Wir arbeiten in 12-Stunden-Schichten. Entweder von sieben bis 19 Uhr oder von 19 Uhr bis sieben Uhr und das mit einer 45-Stunden-Woche. Wir haben im Wechsel entweder eine Vier-Tage- oder eine Drei-Tage-Woche. Ich persönlich finde die Nachtschichten entspannter. Wenn mein Schichtpartner und ich allerdings nach Mitternacht zu einem Einsatz gerufen werden, ist das anstrengend, weil wir vorher möglicherweise geruht haben. 

# Wie muss man sich eine Schicht im Rettungsdienst vorstellen?

Eine Schicht beginnt damit, dass man sich umzieht, dann trinkt man einen Kaffee, spricht mit den Kollegen der vorangegangenen Schicht, lässt sich berichten, was alles passiert ist, übernimmt das Fahrzeug. Man checkt mit dem Teampartner den Rettungswagen, schaut, ob die Ausrüstung vollzählig ist. Wenn der Funkmeldeemfpänger piepst, dann geht’s sofort von Null auf Hundert. Zu jeder Tages- und Nachtzeit. Aber es ist ja nicht immer etwas zu tun. In den Ruhezeiten warten wir auf den nächsten Einsatz, aber zuerst wird das Fahrzeug gründlich gereinigt und desinfiziert. Dann unterhält man sich mit den Kolleginnen und Kollegen - also jedenfalls war das vor Corona so -, trinkt Kaffee, beschäftigt sich. 

# Wie lange dauert ein einzelner Einsatz?

Das kommt auf die Art des Einsatzes an. Wenn wir einen Patienten beispielsweise aus der Vogelsbergstraße ins Büdinger Krankenhaus bringen, geht das schnell. Dann sind wir innerhalb einer halben, dreiviertel Stunde zurück auf der Rettungswache. Aber wenn wir zu einem Unfall mit Verletzten gerufen werden, kann ein Einsatz auch drei bis vier Stunden dauern. Diese Einsätze empfinde ich als sehr belastend.

# Erhalten Sie nach einem belastenden Einsatz psychologische Unterstützung?

Nach schweren Einsätzen nutzen wir in der Regel die Möglichkeit, mit den Teampartnern und Kollegen über die belastende Situation zu sprechen. Reicht der kollegiale Rahmen der Nachbesprechung nicht aus, können wir uns der Notfallseelsorge des Wetteraukreises anvertrauen. Die leisten eine hervorragende Arbeit und Unterstützung, nicht nur für Patienten und Angehörige, sondern auch für uns. 

# Welches Erlebnis ist Ihnen besonders eindrücklich in Erinnerung?

Mein eindrucksvollstes Erlebnis war eine präklinische Geburt. Da hatte ich verrückterweise ein paar Tage zuvor darüber nachgedacht, dass ich sowas in meiner Zeit im Rettungsdienst noch nie erlebt hatte. Und dann bekamen wir von der Leitstelle eine Geburt mit Gefahren gemeldet. Noch auf dem Weg wurden wir informiert, dass die Wehen heftiger werden. Ein Notarzt wurde hinzugezogen. Als wir mit dem Rettungswagen ankamen, war die Geburt in vollem Gange. Es war klar, dass wir es nicht mehr ins Krankenhaus schaffen würden. Wir haben der Gebärenden bei der Geburt geholfen. Als der Notarzt ins Zimmer trat, war die Schulter des Neugeborenen schon zu sehen. Es hatte die Nabelschnur um den Hals, atmete - aber nur schwach. Und die Plazenta löste sich nicht ab. Das war schon alles sehr aufregend. Keine Sorge, Mutter und Kind sind wohlauf. Zum 1. Geburtstag des Kindes waren mein Kollege und ich eingeladen. Das war sehr schön. 

# Es wird ja viel von Work-Life-Balance gesprochen. Ist es für Sie schwierig, Beruf, Familie und Freizeit in Einklang zu bringen?

Meine Frau arbeitet 30 Stunden als Erzieherin in einem Kindergarten. Wir haben zwei Söhne. Freizeit und Beruf lassen sich gut unter einen Hut bringen, weil meine Frau oft zuhause ist. Außerdem ist ihr Arbeitgeber sehr flexibel und ermöglicht es ihr, so zu arbeiten, dass wir die Betreuung unserer Kinder sichergestellt ist. Ich finde es klasse, dass ich unter der Woche tagsüber Zeit habe, während andere, die zum Beispiel im Büro tätig sind, arbeiten. Diese Menschen müssen sich freinehmen, um zu Arzt zu gehen oder Dinge zu erledigen, die ich aufgrund meiner Schichtarbeit machen kann, wann ich will. Das empfinde ich als Privileg.

# Und Ihre Kinder - wie kommen sie mit Ihrer Schichtarbeit zurecht?

Sie kennen es nicht anders. Dazu müssen Sie wissen: Ich habe in Norddeutschland nach der Schule eine Ausbildung als Industriemechaniker gemacht, dann aber nicht in diesem Beruf gearbeitet, sondern auch noch eine Ausbildung als Rettungsassistenten absolviert. Leider habe ich zum damaligen Zeitpunkt bei den Rettungsdiensten keine Anstellung gefunden. So habe ich dann in Emden Autos verladen, war bei einer Windkraftfirma in der Fertigung von Rotorblättern und in der Nordsee offshore im selben Bereich auf Montage. Danach habe ich in Bad Soden-Salmünster als Kletterspezialist in der Höhenrettung gearbeitet. All diese Tätigkeiten waren von sehr unregelmäßigen Arbeitszeiten geprägt. Deshalb habe ich mich 2015 dazu entschlossen, in den Rettungsdienst zurückzukehren. Ich wollte endlich mal geregelte und vor allem planbare Arbeitszeiten haben.

# Das ist also der Grund, aus dem Sie den Beruf ergriffen haben.

Nicht ganz. Rettungsdienst war schon immer mein Ding, mein Traumberuf. Ich war beim Jugendrotkreuz und ehrenamtlich im Sanitätsdienst tätig. Ich weiß gar nicht, warum ich diesen Traum aus den Augen verloren habe. Irgendwann dachte ich auch, es ist zu spät dafür. War es aber nicht, wie Sie sehen. Wissen Sie, es macht mir Freude, Menschen zu helfen, Ihnen in gefährlichen Situationen das Leben zu retten. Man fühlt sich tatsächlich ein bisschen wie ein Held. Ich denke, Feuerwehrmännern oder Menschen, die sich im THW engagieren, geht es ähnlich. Ich habe es keinen Tag bereut, wieder in den Rettungsdienst eingestiegen zu sein.