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Es ist eine Situation, die einem viel abverlangt

 

Jens Grusdt zeigt das webbasierte Portal IVENA (Foto: Kaltenschnee)

Die wesentliche Veränderung ist wohl, dass es inzwischen Impfstoffe gegen eine Corona-Erkrankung gibt. Mittlerweile wird geimpft, wenn auch nicht in dem gewünschten Maße. Wie stehen die Mitarbeiter des Rettungsdienstes zur Corona-Schutzimpfung?

Jens Grusdt: Die Impfbereitschaft in unserem Team liegt bei über 90 Prozent - also eine sehr hohe Akzeptanz. Der größte Teil unserer Mitarbeiter wird in der kommenden Woche bereits die Zweitimpfung im Büdinger Impfzentrum des Wetteraukreises bekommen können. Wir sind dankbar - und ich denke - da kann ich für die Kolleginnen und Kollegen sprechen -, dass wir als Rettungsdienstmitarbeiter zu den Berufsgruppen gehören, die mit höchster Priorität geimpft werden.

Sie sind geimpft, Herr Grusdt?
Jens Grusdt: Auch ich bin geimpft. Und froh, dass ich so schnell die Möglichkeit dazu hatte. Ich sehe es als absolute Verpflichtung an, besonders als Mitarbeiter im Gesundheitswesen im täglichen Kontakt mit Risikopatienten. In Bezug auf Corona habe ich viele schwere Fälle gesehen. Und unweigerlich dem Infektionsrisiko ausgesetzt zu sein, ist natürlich besorgniserregend. Ich bin dankbar für die Impfung. Geimpft zu sein ist mein Verständnis für die Verantwortung, die jeder einzelne von uns für die Gemeinschaft zu tragen hat. Es gibt keinen Plan B. 

Was hat sich im Vergleich zum ersten Lockdown im Rettungsdienst verändert? 
Jens Grusdt: Bei den Einsätzen haben wir mittlerweile sehr viel öfter als etwa im Frühjahr letzten Jahres infektiöse Patienten. Die Einsatzzahlen liegen im Vergleich zu den Vorjahren zudem spürbar höher.

Wie erleben Sie bei Ihren Einsätzen zurzeit die Patienten und deren Angehörige?
Jens Grusdt: Wir treffen auf verängstigte Patienten und verunsicherte Angehörige. Wenn wir in Vor-Corona-Zeiten einen Patienten in eine Klinik bringen mussten, haben die Angehörigen gesagt: „Wir packen dann mal eine Tasche und kommen ins Krankenhaus nach.“ Wir brachten den Patienten ins Krankenhaus - in die Notaufnahme zumeist - und dann kamen die Angehörigen dorthin, um sich um den Patienten zu kümmern. Wenn wir jetzt einen Patienten mitnehmen, müssen sich die Angehörigen an unserem Fahrzeug für einen unbestimmten Zeitraum verabschieden, weil sie zum Krankenhaus keinen Zutritt haben. Das stellt Patienten, Angehörige, aber auch uns vor Herausforderungen, die es vorher nicht gab.

Die Politik ergreift viele Maßnahmen mit dem Argument, das Gesundheitssystem dürfe nicht überlastet werden. Es heißt, die Kliniken seien am Limit. Können Sie das aus Ihrer Erfahrung bestätigen?
Jens Grusdt: Ja. Wir sehen es täglich, dass viele Kliniken – auch über die Kreisgrenze hinaus keine Patienten mehr aufnehmen können. Wir müssen seit einiger Zeit auch weiter fahren, um Patienten in eine Klinik zu bringen. Bei der Abstimmung mit der Leitstelle, welche Zielkliniken wir ansteuern können, hören wir häufig sogar Kliniken in Nord- oder Südhessen als Möglichkeit. Auf jeden Fall sind die Wege weiter als sonst. Mittlerweile stehen Einsätze, die wir im Zusammenhang mit der Infektionserkrankung fahren an der Tagesordnung. Wir haben es mit verängstigen Menschen zu tun, die sich fragen, ob es besser ist, in eine Klinik gebracht zu werden oder zuhause zu bleiben. Das müssen wir dann vor Ort entscheiden. In einigen Fällen ist es dann in der Tat angebracht, auf einen Klinikaufenthalt zu verzichten, zuhause zu bleiben und sich vom Hausarzt medizinisch betreuen zu lassen.

Woher wissen Sie denn überhaupt, welche Kliniken Sie anfahren können, weil dort noch Betten frei sind
Jens Grusdt: In Hessen führen alle Kliniken über das webbasierte Portal IVENA oder - auch Interdisziplinärer Versorgungsnachweis - ein zentrales Bettenregister. Hier ist für die Leitstellen ersichtlich, welche Klinik für welche Fachrichtungen Patienten aufnehmen kann. Die Krankenhäuser sind darin grün oder rot gemeldet, je nachdem, ob sie Bettenkapazitäten haben. Über dieses Portal erfolgt dann seitens der Leitstelle die Klinikanmeldung für einen Rettungswagen. 

Das alles klingt nach Arbeit unter großer emotionaler Belastung.
Jens Grusdt:Ja. Hinzu kommt, dass die Mitarbeiter im Rettungsdienst Patienten erleben, denen es aufgrund einer Corona-Infektion oder einer COVID19-Erkrankung schlecht geht. Wissen Sie, wir sehen nicht nur ältere, die schwer an COVID19 erkranken, sondern auch jüngere Menschen, die lange damit kämpfen müssen. Das ist ebenfalls eine große Belastung. Im Privaten setzt sich das fort, auch wenn der Stress, den unsere Mitarbeiter privat erleben, auch viele Menschen andere erfahren: Kinder, die zuhause betreut werden müssen, weil die Kita geschlossen ist oder die Schule keinen Präsenzunterricht mehr anbietet. Die Kontaktbeschränkungen, die alle betreffen, kommen hinzu. Und nicht zuletzt die Angst, das Virus in das eigene Zuhause zu tragen. Aber das Team steht zusammen und wir wissen: Wir müssen da durch.

Was tun Sie für Ihren Eigenschutz und zum Schutz der Patienten?
Jens Grusdt: Wir verfügen über gute Schutzausrüstung, auf die wir uns verlassen können. Aktuell tragen wir bei allen Einsätzen durchgängig FFP2-Masken und haben ein Ablaufschema entwickelt, in dem wir weitere Schutzmaßnahmen wie Schutzkittel- und Anzüge oder Schutzbrillen situationsbedingt zum Einsatz bringen. Die Desinfektion der Fahrzeuge erfolgt nach jedem Einsatz gewissenhaft und ordentlich. Während des ersten Lockdowns im Frühjahr gab es die Befürchtung, dass wir nicht ausreichend Schutzkleidung, Handschuhe und Masken oder Desinfektionsmittel zur Verfügung haben werden. Hier haben wir vorgesorgt und planen bei der Lagerhaltung ein, ausreichend Vorrat für längere Lieferzeiten vorzuhalten. Unser Lagerteam leistet hier eine tolle Arbeit.

Schutzkleidung und Desinfektion ist nicht alles. Wie werden Ihre Mitarbeiter darüber hinaus geschützt?
Jens Grusdt: Auf den Wachen haben wir schon seit Monaten einiges geändert. Die Hygienemaßnahmen, die ja schon seit Beginn der Pandemie im regulären Betrieb bestehen, haben wir weiter verschärft - und das, bevor die Politik dies verordnete. Gemeinsame Pausen sind den Mitarbeitern im Rettungsdienst schon länger untersagt, weil das Infektionsrisiko zu groß ist. Und alle Mitarbeiter unterziehen sich einmal in der Woche einem Corona-Schnelltest.

Haben Sie bei diesen Tests schon Infektionen bei Mitarbeitern feststellen können?
Jens Grusdt: Wir haben bislang bei einem Mitarbeiter eine Infektion festgestellt und er musste dann umgehend in Quarantäne. Eine Mitarbeiterin wurde außerhalb des Dienstes positiv getestet. Auch sie hat sich in Quarantäne begeben. Wenn einer unserer Mitarbeiter positiv getestet wird, müssen wir dienstliche Kontaktpersonen zurückliegender Tage ermitteln und an das Gesundheitsamt melden. Je nach Rettungswache und Schichtumlauf sind das schnell zehn bis 15 Kollegen. Da könnte es passieren, dass wir eine ganze Mannschaft in Quarantäne schicken müssen. Dafür haben wir keinen personellen Spielraum. Also müssen wir das Risiko minimieren. Deshalb tragen alle seit mehreren Wochen auch auf den Rettungswachen durchgängig FFP2-Masken. Nur wenn einer allein im Raum ist, darf er sie absetzen. Ebenso durchgängig in den Einsätzen. Diese Einschränkungen sind für unsere Mitarbeiter belastend. Aber sie sind notwendig. Es ist eine Situation, die einem viel abverlangt.

Herr Grusdt, wir wünschen Ihnen und Ihren Kolleginnen und Kollegen weiterhin alles Gute bei ihrer Arbeit!