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Jeder ist willkommen

Nachhaltiges Einkaufen in der Büdinger Vorstadt. Wer Fragen hat, kann sich an Anke Glaub oder eine ihrer Kolleginnen wenden. (Foto: Kaltenschnee)

Die Idee, in der Büdinger Innenstadt einen Kleiderladen zu eröffnen, geht auf Petra Edelmann zurück, die seit 30 Jahren für das Rote Kreuz tätig und auch heute noch für die Läden zuständig ist. Aber mal der Reihe nach. Bis 2009 befand sich im alten Gebäude des alten DRK-Kreisverbandes in der Vogelsbergstraße eine Kleiderkammer. Ein dunkler, hässlicher Raum sei es gewesen, die Kleidung kreuz und quer im Raum verteilt, erinnert sich Petra Edelmann. Einmal in der Woche habe die Kammer ihre Tür geöffnet, aber es seien nur vereinzelt Interessierte gekommen: „Höchstens zehn Leute an einem Nachmittag.“ Oft habe sie gedacht: „Es sind so viele richtig gute Sachen dabei, aber so können wir die nicht an den Mann bringen.“ Also habe sie immer wieder den Vorschlag gemacht, einen Kleiderladen zu eröffnen. Schließlich habe der damalige Geschäftsführer zugestimmt. 

„Wir wollten weg vom Standort in der Vogelsbergstraße, in die Stadt hinein“, sagt Petra Edelmann. Dort gebe es schließlich mehr Laufkundschaft. Zudem sei das Rote Kreuz auf diese Weise in der Stadt präsent. Habe jemand mal eine Frage zu anderen Angeboten des DRK könnten die Mitarbeiterinnen diese Fragen beantworten oder Ansprechpartner nennen. Petra Edelmann suchte also ein geeignetes Ladengeschäft und wurde in der Vorstadt recht schnell fündig. Der Vermieter der Vorstadt 15 kam dem Roten Kreuz bei der Höhe der Miete entgegen und das Projekt konnte starten. „Damals wurde das Kaufhaus Joh geschlossen und das Unternehmen bot uns Einrichtungsgegenstände Spende an. Als Spende. Ich bin mit Zivis in das Kaufhaus gegangen und habe Kleiderständer, Kasse, Theke abgeholt. Wir mussten damals nichts neu kaufen. Für den Start des Ladens war das eine große Hilfe“, erzählt Petra Edelmann. Melanie Hirth, die damals ein Freiwilliges Soziales Jahr beim DRK absolvierte, und Nadine Vaubel waren die ersten Verkäuferinnen. Das Sortiment glich dem von heute: Damen-, Herren-, Kindermoden, Accessoires und Schuhe. Der Laden wurde gut angenommen. Kein Wunder, dass er irgendwann zu klein wurde. Ein Glücksfall, dass nebenan, in der Vorstadt 17, im Jahr 2013 Räume frei wurden. „Reinhold Wies, der Vermieter des neuen Ladens, ist uns sehr entgegenkommen. Wir haben alles komplett renoviert übernommen“, freut sich Petra Edelmann. Am neuen Standort gebe es auch Aufenthaltsräume und ein kleines Lager. 

„Drei Jahre später haben wir in der ehemaligen Bindernagelschen Buchhandlung unseren Kinderladen eröffnet.“ Dieses Mal musste das Rote Kreuz renovieren, aber die gesamte Einrichtung entdeckte Petra Edelmann auf einer Online-Plattform für Kleinanzeigen. Im Kinderladen wurden neben Kinderkleidung auch Haushaltsgegenstände angeboten: Geschirr, Töpfe, Küchenhelfer, Spiegel, einfach alles rund um Haus und Haushaltung. Dieser wurde jedoch Ende 2018 wieder geschlossen. Das gesamte Kindersortiment ist seitdem wieder im Kleiderladen integriert. Es habe ihr in der Seele wehgetan, den Kinderladen aufzugeben, bedauert Petra Edelmann. Dafür freut sie sich, dass der Kleiderladen nebenan von den Kunden mit stetig wachsendem Erfolg angenommen wird. „Bei uns kann jeder einkaufen“, sagt sie und bekräftigt: „Wirklich jeder und soviel er will.“ Wohnsitzlose bekommen Kleidung kostenfrei.  Menschen, die ihre Bedürftigkeit nachweisen können, erhalten vom 1. bis 10. eines Monats jedes Stück zum halben Preis. 

Die Klientel habe sich im Lauf der Zeit verändert. Anfangs sei die Hemmschwelle groß gewesen, in den Laden einzutreten“, sagt Petra Edelmann: „Mittlerweile sind 60 Prozent der Menschen solche, die wollen und nicht müssen.“ Ein kleinerer Teil sei auf die kleinen Preise angewiesen. Es gebe aber auch eine Gruppe von Kundinnen, die treffe sich jeden Samstagmorgen und gehe einen Kaffee trinken. Anschließend kämen die Frauen in den Kleiderladen. „Sie freuen sich, wenn sie ein schönes Second-Hand-Schnäppchen finden.“ Für diese Frauen werde das Shopping im Rotkreuz-Laden zum Event. Auch die Zahl junger Frauen, denen Umwelt, Klimaschutz und Nachhaltigkeit am Herzen liege, steige. Petra Edelmann: „Sie sagen zu uns: „Warum neu, wenn ich das Stück hier auch bekommen kann.“ 

Jedes Kleidungsstück wird kontrolliert, bevor es zum Verkauf angeboten wird. Ist es verschmutzt oder kaputt, kommt es in den Altkleidercontainer auf dem Gelände des DRK Kreisverbandes in der Vogelsbergstraße. „Wir nehmen jeden Sack, den man uns bringt, in die Hand, schauen rein, sortieren nach gut für den Kleiderladen oder gut fürs Recycling“, sagt Edyta Burgucu.

Neben Kleidung, Schuhen und Accessoires werden auch Bücher oder neue Wollknäuel gespendet. „Bücher gehen gut“, befindet Petra Edelmann, „vor allem Kochbücher, aktuelle Ratgeber und einigermaßen aktuelle Krimis. Ruft jemand an und bietet Bücher an, dann sage ich immer, sie sollten nicht älter sein als zehn Jahre.“ Die Wolle wiederum wird von zwei Frauen regelmäßig abgeholt. Sie stricken daraus Socken. „Die bringen sie uns als Spende in den Laden und wir verkaufen tolle selbstgestrickte Socken aus neuer Wolle für zwei bis drei Euro“, sagt Edyta Burgucu.

Durchschnittlich etwa fünfzig Kunden pro Tag kommen herein“, schätzt Edyta Burgucu nun auf Nachfrage. Sie betreut den Laden gemeinsam mit den beiden Aushilfen Anke Glaub und Christine Morton sowie Edeltraud Weber, die sich ehrenamtlich engagiert. Alles, was erwirtschaftet wird, fließt - nach Abzug der Miet- und Personal- sowie der Nebenkosten - in die Soziale Arbeit des DRK, unter anderem in den Katastrophenschutz und die Jugendarbeit.