An Weihnachten ist Samra da

 

 

Samra und ihre kleine Schwester (Foto: Carmen Hobohm)

Samra hat ein zauberhaftes Lachen und große braune Augen, mit denen sie aufgeweckt und wissbegierig ihre Umgebung betrachtet. Mit ihren beiden kleinen Schwestern verbindet sie ebenso große Innigkeit wie mit ihrer Mutter Misrak. Das Familienglück, wie es bei Samra, ihren Schwestern und ihrer Mutter in diesen dunklen Wintertagen zu erleben ist, bekommt unerwartete Tiefe, wenn man seine Hintergründe erfährt. 

Samra und ihre Mutter stammen aus Äthiopien. 2016 flüchtete Misrak aus dem Land, weil Menschen mit katholisch-orthodoxen Glauben dort verfolgt werden. Ihre Tochter ließ Misrak in der Obhut der Großmutter - mit dem Plan, das Kind so bald wie möglich zu sich zu holen. Die Flucht der 30-Jährigen endete in Deutschland. Hier angekommen beantragte die Mutter Asyl. Das Asylverfahren und die Anerkennung als Flüchtende nahmen einige Zeit in Anspruch. Erst nachdem Misraks Aufenthaltsstatus geklärt war, konnte sie den Antrag auf Familienzusammenführung stellen. Erst dann konnte ein Visaverfahren bei der Deutschen Botschaft in Addis Abeba betrieben werden, um das kleine Mädchen nach Deutschland zu holen. Das alles wäre bereits unter normalen Umständen nervenaufreibend und kräftezehrend gewesen. Doch während des Verfahrens starb überraschend Samras Großmutter. Das minderjährige Mädchen war plötzlich ganz allein. 

Eine Freundin der Mutter, die in der Schweiz lebt und zu dieser Zeit ihre Familie in Äthiopien besuchte, verlängerte daraufhin ihren Aufenthalt und nahm sich Samras an. Ein katholisch-orthodoxer Priester ließ sein Amt ruhen, um die Vormundschaft für Samra zu übernehmen und das Visaverfahren bei der Deutschen Botschaft in Addis Abeba weiter zu betreiben. Carmen Hobohm von der Migrationsberatung des Roten Kreuzes in Büdingen kümmerte sich von Deutschland aus um die notwendige Vollmacht für den Geistlichen, der Nächstenliebe verinnerlicht hat und auch in schwieriger Lage praktiziert. Samra wurde in einer Pflegefamilie untergebracht. Sie war versorgt, aber traurig. Zeitweise weigerte sie sich zu essen und weinte viel. Auch weil die Mutter mittlerweile zwei weitere Kinder bekommen und Samra Angst hatte, nicht mehr geliebt zu werden. 

In Altenstadt wurde Misrak von den ehrenamtlichen Helfern der Altenstädter Initiative „O.A.S.E.“ – kurz für „Offenes Altenstädter Soziales Engagement“ – betreut. Gemeinsam mit Carmen Hobohm stellten sie sich die Frage, wie der Kontakt zwischen der besorgten Mutter und ihrer traurigen Tochter über mehr als 5000 Kilometer Entfernung intensiviert werden könne. Die Lösung: Video-Telefonie. Sich täglich sehen und miteinander sprechen half Samra. Das emotional angeschlagene Mädchen stabilisierte sich. 

Auf der bürokratischen Ebene ging es ebenfalls Schritt für Schritt langsam voran. Carmen Hobohm korrespondierte monatlich mit der Deutschen Botschaft, stimmte sich eng mit der hiesigen Ausländerbehörde ab. Doch Ende Juni kommt es in Äthiopien zu politischen Unruhen. Die Medien berichten von einer Destabilisierung des Landes. „Wir waren sehr in Sorge. In Äthiopien werden Mädchen rituell beschnitten. Misrak und ihre verstorbene Mutter lehnen das strikt ab. Wir hatten große Angst, dass Personen in Samras Umfeld die unübersichtliche Situation ausnutzen könnten, um das Mädchen zu beschneiden. Das wäre schrecklich gewesen.“ Eine psychisch extrem angespannte Situation sei das für alle gewesen. Auch weil zu dieser Zeit keine Flüge zwischen Addis Adeba und Frankfurt stattfanden und Samra damit in Äthiopien festsaß.

Im November hatte das Bangen ein Ende. Am 25. November stieg Samra in Addis Abeba in ein Flugzeug, am 27. November um sechs Uhr morgens landete sie in Frankfurt. Noch in Äthiopien hatte sie einen Corona-Test gemacht. Wäre der positiv gewesen, hätte sie nicht reisen können. In Deutschland begab sie sich mitsamt Mutter und Schwestern umgehend in eine zehntägige Quarantäne. 

Am Frankfurter Flughaften wurde Samra von ihrer Mutter, ihren Schwestern und einer ehrenamtlichen O.A.S.E.-Helferin abgeholt. Die schmale Achtjährige trug die rote Samtjacke, die ihr die Mutter vor dreieinhalb langen Jahren geschenkt hatte, einen roten Rock und eine rote Mütze. Carmen Hobohm war zwar nicht mit an den Flughafen gefahren, aber für alle Fälle erreichbar. Nachdem Misrak ihre Tochter am Flughafen in die Arme geschlossen hatte, wurde telefoniert. „Samra ist da, Samra ist da! Alles ist gut!“, rief die Mutter weinend und lachend zugleich ins Telefon und: „Frau Hobohm ich bin so dankbar. God bless you! “ Gott segne dich.

In der vergangenen Woche hat Carmen Hobohm die Familie besucht. „Die Mutter hatte ein Geschenk für mich. Es ist ein Gebet, das sie mit Google-Übersetzer ins Deutsche übersetzt und für mich aufgeschrieben hat. Die Kinder haben mir Herzen aus Papier gebastelt und bemalt. Das hat mich alles wirklich sehr berührt“, berichtet Carmen Hobohm. Sie wiederum hatte als Begrüßungsgeschenk für Samra eines der Trösterbärchen des DRK Kreisverbandes Büdingen dabei. Dazu ein Kästchen mit Vorschullernsachen: ein Ziffernposter, ein Mandala-Malblock, Stifte, eine Erstlesergeschichte, die Samra gemeinsam mit ihrer Mutter lesen wird. Doch noch spricht das Mädchen kaum Deutsch, nur ein bisschen Englisch. Um die Einschulungsformalitäten hat sich die Migrationsberaterin des Roten Kreuzes gemeinsam mit Samras Mutter und der ehrenamtlichen Unterstützung von O.A.S.E. schon gekümmert. In welche Klasse Samra kommt, ist noch offen. Das Mädchen begreift schnell und – das ist vielleicht das Wichtigste – sie will lernen und dazugehören. 

Die DRK-Mitarbeiterin ist froh, dass die Familie wieder zusammen ist. „Samra und ihre Schwestern haben sich gegenseitig sofort ins Herz geschlossen. Sie sind eine richtige Einheit.“ Auch die Mutter ist glücklich. „Du hast uns so geholfen, Frau Hobohm. Du hast so viel für uns gemacht“, habe sie zu Carmen Hobohm gesagt. Nicht nur die Migrationsberaterin, sondern auch die ehrenamtlichen Helfer von O.A.S.E. werden die Familie weiterhin begleiten. Sie werden den vieren die deutsche Sprache und Kultur vermitteln und Misrak bei Erziehungsfragen zur Seite stehen. Außerdem wird sich Carmen Hobohm gemeinsam mit Fabian Thoma,Geschäftsführer des DRK Kreisverbandes Büdingen, darum bemühen, dass die kleine Familie vom DRK Landesverband Hessen einen Zuschuss für den teuren Flug von Addis Abeba nach Frankfurt erhält. Sollte dies gelingen, wäre Samras und Misraks Geschichte wahrlich perfekt.