"Unser Beruf ist extrem vielseitig"

 

(Foto: Kaltenschnee)

#Herr Sessel, Frau Föller, Anfang September haben Sie gesagt, Sie wollen Menschen helfen und können sich einen Nine-to-Five-Job nicht vorstellen. Ist die Ausbildung so, wie Sie sie sich vorgestellt haben?

Marc Sessel: Absolut ja.

Tatjana Föller: Ich war damals offen für alles und bin es noch. Die Ausbildung gefällt mir sehr gut. Die Theorieblöcke machen wir in der Rettungsdienstschule in Gelnhausen. Die Schule kümmert sich sehr gut um uns. Genau wie das Rote Kreuz. Die Schule gibt uns regelmäßig Feedback und steht in Kontakt mit dem DRK-Kreisverband. Wir werden an die Hand genommen und alle unterstützen uns, wo es nur geht. 

Marc Sessel: In anderen Ausbildungsbetrieben sehen die Lehrer die Azubis nur an einem Tag in der Woche. Bei uns wechseln sich Praxis- und Theorieblöcke ab. Ich denke, dadurch kennen unsere Lehrer uns auch und wissen, an welcher Stelle sie uns am besten unterstützen können.

#Im ersten Lehrjahr fahren Sie in den Rettungswagen als „dritter Mann / dritte Frau“. Welche Einsätze sind Sie in diesem halben Jahr gefahren?

Föller: Das kann man gar nicht pauschal sagen. Es gibt ruhige Tage und dann wieder welche, an denen wir fünf oder sechs Einsätze haben. Das kann ein Krankentransport, dann ein Verkehrsunfall und anschließend ein Herzinfarkt sein. Das weiß man nie. Wir sind außerdem nicht einer bestimmten Rettungswache zugeteilt, sondern arbeiten an allen Lehrrettungswachen des Kreisverbandes. Man muss sich also relativ oft umstellen und daran musste ich mich erst einmal gewöhnen.

#Welche Tätigkeiten übernehmen Sie bei Ihren Einsätzen? 

Föller: Wir machen das, was wir uns zutrauen und was wir im Theorieblock gelernt haben. Unter der Anleitung des Kollegen. Wir werden nicht ins kalte Wasser geworfen. 

Sessel: Wir bekommen für jeweils einen Praxisblock, der auf einer Rettungswache - oder auch in einer Klinik - stattfindet, einen Vordruck, auf dem stehen Tätigkeiten, die wir übernehmen sollten. Ob das klappt, hängt allerdings von den Einsätzen selbst ab. Außerdem kommt es auf den Lernfortschritt an.

#Was ist das Ziel der Ausbildung zum Notfallsanitäter?

Sessel: Die verantwortliche Übernahme von Notfalleinsätzen. Im Verlauf der Ausbildung wird der Stoff immer anspruchsvoller. Das Erlernte baut aufeinander auf. Zurzeit machen wir Anatomie und Physiologie, aber die Themen kommen im letzten Ausbildungsblock noch einmal dran. Allerdings auf wesentlich höherem Niveau. 

Föller: Man fängt klein an. Die Schüler einer Klasse haben ganz unterschiedliche Vorkenntnisse. Damit sind alle auf einem Level. Wir haben als Erstes den Umgang mit Tragen und Tragetüchern gelernt. Das ist im Rettungsdienst ja ganz wesentlich. Als ich in der Schule den Umgang mit Vakuumschienen gelernt habe, dachte ich noch: „Bis ich die Schiene anwenden werde, dauert es wahrscheinlich eine Weile“ und bei meinem allerersten Einsatz war genau das notwendig.

#Was machen Sie, wenn Sie zu einem schlimmen Einsatz kommen? Sie wissen doch vielleicht gar nicht, wie Sie in einer solchen Situation reagieren werden. 

Föller: Ich bin mit meinen Kollegen in diesem ersten halben Jahr zu vier Verkehrsunfällen gerufen worden. Nicht alle waren schlimm. Aber ich lasse die erfahrenen Kollegen vorgehen und dränge mich nicht nach vorn. Es kann ja auch sein, man wird gerufen und der Patient oder das Unfallopfer ist jemand, den man kennt. Eine Freundin meiner Mutter, meine Oma. Man weiß das einfach vorher nicht.

Sessel: Man kann das noch so viel üben, aber im Einsatz ist alles ganz anders. Wenn man sich für diesen Beruf entscheidet, weiß man, worauf man sich einlässt.

#Jeder Einsatz ist anders?

Sessel: Jeder Patient ist anders. Ich habe einen Mann erlebt, der sein Bein gebrochen und schlimme Schmerzen hatte und ein anderes Mal jemanden, der in der gleichen Situation keine Schmerzen spürte.

Föller: Ich hatte an einem Tag drei Patienten mit Herzinfarkt und jeder hat anders reagiert.

#Was gefällt Ihnen an Ihrer Arbeit?

Föller: Man sitzt nicht den ganzen Tag rum, sondern ist unterwegs. Man ist viel draußen. Die Arbeit ist sehr abwechslungsreich.

Sessel: Sie erfordert Eigenständigkeit und man muss in diesem Beruf Verantwortung tragen. Das gefällt mir. Wir arbeiten nicht nur im RTW im Team, sondern auch mit Kliniken, Polizei, Hausärzten und Feuerwehr zusammen. Unser Beruf ist extrem vielseitig.

#Sie haben sich jetzt ein halbes Jahr lang ein Bild gemacht vom Beruf des Notfallsanitäters. Welche Eigenschaften sollte man besitzen?

Sessel: Verantwortungsbewusstsein und Eigenständigkeit haben wir ja schon genannt. Man muss flexibel sein, offen für Neues und auch bereit sein, Schicht zu arbeiten. Dazu sollte man gut im Team arbeiten können, wir sind ja in wechselnder Besetzung im Einsatz. Man braucht Einfühlungsvermögen im Umgang mit den Patienten und deren Angehörigen. Man sollte mitfühlen, aber nicht mitleiden. Außerdem muss man gut mit Stress umgehen können.

#Notfallsanitäter, Rettungssanitäter: Sind das nicht einfach nur zwei verschiedene Begriffe für ein und dieselbe Tätigkeit?

Sessel: Der Notfallsanitäter ist die Fachkraft. Er muss eine dreijährige Ausbildung absolvieren, bevor er in diesem Beruf arbeiten darf. Der Rettungssanitäter ist - sozusagen - sein Helfer. Diese Ausbildung dauert drei Monate.

Föller: Der Unterschied ist vielen unklar. Da geht viel durcheinander. Auch die unterschiedlichen Aufgaben eines Notarztes und des ärztlichen Bereitschaftsdienstes werden verwechselt. Viele Menschen denken, bei unseren Einsätzen sei immer ein Notarzt dabei. Dabei kommen der Rettungswagen und seine Besatzung zuerst und bei Bedarf wird ein Notarzt hinzugezogen.

# Die letzte Frage geht an Sie, Frau Föller. Sind Sie als Frau eine Exotin im Rettungsdienst?

Föller: Aber nein. Wir leben im 21. Jahrhundert. Im Büdinger Kreisverband sind sogar außergewöhnlich viele Frauen im Rettungsdienst beschäftigt. Unser Beruf ist ein Handwerk, das Männer und Frauen gleichermaßen ausüben können. Auf den Wagen verfügen wir schließlich über ziemlich viele technische und medizinische Hilfsmittel. Außerdem können wir Kollegen eines anderen RTW um Hilfe bitten. Ein bisschen Kraft und gute Fitness braucht man schon in diesem Beruf. Das gilt aber für Männer genauso.