Unser Rettungsdienst in Corona-Zeiten

 

Der Rettungsdienst ist gut aufgestellt: Jens Grusdt (li) und Fabian Thoma (Foto: Kaltenschnee)

#Herr Grusdt, wie gehen Sie im Rettungsdienst mit der Corona-Krise um?

Jens Grusdt: Zunächst einmal: Im Rettungsdienst hat es zu keiner Zeit eine Krise gegeben. Wir erleben veränderte Vorsichtsmaßnahmen, aber den drohenden Zusammenbruch des Gesundheitssystems hat es bisher zum Glück nicht gegeben. Wir haben unsere Schutzmaßnahmen situationsbedingt angepasst. So war Mitte März eines unserer Teams ohne Infektionsschutzkleidung bei einem Patienten, der keine Covid-Symtome zeigte. Im Krankenhaus stellte sich aber dann heraus, dass er mit Sars-CoV-2 infiziert war. Daraufhin haben wir unser dreiköpfiges Team für zwei Wochen in Quarantäne geschickt. Seitdem sind alle Teams - zum Schutz des Patienten und zum Eigenschutz - immer mit entsprechender Schutzausrüstung im Einsatz. Wir halten uns dabei an die Vorgaben, die wir vom Gesundheitsamt des Wetteraukreises vorgegeben bekommen haben. 

#Wenn Sie von den Vorgaben des Gesundheitsamtes sprechen, stellt sich natürlich sogleich die Frage, welche das sind.

Jens Grusdt: Die Maßnahmen und Vorgaben, die unter der Federführung des ärztlichen Leiters des Rettungsdienstes des Wetteraukreises, Dr. Reinhold Merbs, erarbeitet wurden. Es sind wohl durchdachte Handlungsabläufe für jeden Einsatz, die Infektionsschutz- sowie Hygienevorgaben beinhalten. Wir gehen nach wie vor davon aus, dass sie noch eine Weile Bestand haben werden, auch in dieser immer noch dynamischen Situation. Mit dem Wetteraukreises arbeiten wir sehr gut und auf Augenhöhe zusammen. Wir haben ein tragfähiges Netzwerk, zu dem auch andere Rettungsdienste gehören – also Malteser, ASB und Johanniter.

Fabian Thoma: Seit Ausbruch der Sars-CoV-2-Krise vor etwa sieben Wochen, stehen wir in engem Kontakt mit dem Gesundheitsamt und der Fachstelle Rettungsdienst des Wetteraukreises. Damals gab es in der Tat die Befürchtung, dass es zu einer Krise des Gesundheitssystems kommen könne und der Rettungsdienst viele Einsätze mit infizierten Patienten fahren müsse. Es wusste ja keiner, wie sich das Ganze entwickeln würde. Also wurde in Absprache mit den Behörden vieles organisiert, es erfolgt ein täglicher Austausch.

#Es gab viele Berichte in den Medien, die Lieferengpässen bei Schutzausrüstung thematisierten. Wie schaut es bei Ihnen damit aus?

Jens Grusdt: Wir haben einen beachtlichen Vorrat an Verbrauchsmaterial und Sauerstoff angelegt. Vorsorglich für den Fall, dass die Lieferketten unterbrochen werden. Unser Lager-Team leistet vorbildliche Arbeit.  Sie haben gut kalkuliert, was wir in welchen Mengen brauchen. 

Fabian Thoma: Es hat sich bewährt, dass wir über gute Geschäftsbeziehungen verfügen, die wir schon seit Jahren pflegen. Diese zahlen sich in der aktuellen Situation aus. 

#Sie sagen, die Rettungsdienstmitarbeiter tragen bei jedem Einsatz eine Einmal-Schutzmaske. Um unseren Lesern einen Eindruck zu vermitteln, wie viele Masken dabei etwa benötigt werden: Wie viele haben Sie beispielsweise im April verbraucht?

Jens Grusdt: Also grob geschätzt denke ich, dass wir etwa 2000 bis 3000 Mundschutzmasken im Monat für die Besatzung unserer Rettungswagen benötigen. Wir sind ausreichend versorgt. Aber wir müssen den Bestand im Auge behalten und nachbestellen, wenn notwendig. Dann sind wir darauf angewiesen, dass es keine Verzögerungen in der Lieferkette gibt.

#Wird der Rettungsdienst seltener gerufen als vor Beginn der Krise und der im Zuge dessen ergriffenen Maßnahmen?

Fabian Thoma: Im Vergleich zum Januar haben sich die Einsätze des Rettungswagens im Laufe der darauffolgenden drei Monate sukzessive um bis zu circa 25 Prozent reduziert. In diesen Zahlen sind die Hilfeleistungen nicht enthalten. Bei den Einsätzen des Notarzteinsatzfahrzeugs ist es nicht ganz so extrem, aber ähnlich. Wir hatten im April im Vergleich zum Durchschnitt von Januar bis März etwa 12 Prozent weniger Einsätze mit Notarztfahrzeug. 

Jens Grusdt: Es kann lebensgefährlich sein, in einer medizinischen Notlage nicht den Rettungswagen zu rufen. Wir stellen jetzt durchaus fest, dass die Menschen seltener die 112 anrufen. Bei einem Schlaganfall oder einem Herzinfarkt kann man aber nicht warten. Beides muss sofort behandelt werden. Anders als vor der Corona-Krise bestehen die Einsätze vermehrt aus Hilfeleistungen. Das heißt, jemand wählt die 112, ein RTW fährt zum Einsatz. Dort stellt die Besatzung fest, dass es sich nicht um einen Notfall handelt. Vom Wetteraukreis haben wir die Anweisung, Patienten, die nicht ins Krankenhaus müssen, auch nicht dorthin zu bringen, um dort Bettenkapazitäten frei zu halten. Die Patienten können sich an ihren Hausarzt wenden oder an den ärztlichen Bereitschaftsdienst und sich ambulant behandeln lassen. Es gilt aber jederzeit: Im Zweifel Notruf wählen!

#Die Besatzung eines Rettungswagens verfügt doch gar nicht über das ärztliche Fachwissen, um zu entscheiden, wer in die Klinik muss und wer nicht.

Jens Grusdt: Unsere Notfallsanitäter und Rettungsassistenten erheben Arbeitsdiagnosen und ermitteln so eine Transportindikation für die Klinik. Für eine ärztliche Abklärung können wir unseren Notarzt hinzuziehen. Eine Erkrankung kann sich auch entwickeln und eine Stunde später ganz anders darstellen. In diesem Fall sollte der Betroffene oder die Angehörigen sich nicht scheuen, den Rettungsdienst erneut rufen. 

#Eine Frage, über die sich gewiss der eine oder die andere schon Gedanken gemacht hat: Halten sich Coronaviren lange im Rettungswagen?

Jens Grusdt: Im Rettungswagen ist es immer sicher, da kann ich Sie beruhigen. Wir beherrschen unsere Desinfektionsmaßnahmen sehr gut. Die Fahrzeuge werden routinemäßig nach jedem Einsatz desinfiziert, sodass keine Ansteckungsgefahr besteht. Die Mittel, die wir verwenden, sind hochwirksam.

#Welchen Rat haben Sie für Menschen, die in diesen Zeiten den Notruf wählen? 

Jens Grusdt: In der jetzigen Situation ist es hilfreich für uns, von Angehörigen oder Patienten frühzeitig zu erfahren, ob Symptome wie Atemnot oder Fieber vorliegen. Je früher wir wissen, was uns erwartet, desto besser geschützt können wir agieren. Viele Angehörige empfangen uns mit Mundschutz, auch das ist sehr hilfreich.

#Die Regelungen, die eine Ausbreitung des Virus verhindern sollen, haben nicht nur Auswirkungen im Falle eines Einsatzes, sondern betreffen auch den Berufsalltag in den Rettungswachen. Welche konkreten Maßnahmen hat das Rote Kreuz bei den internen Abläufen getroffen? 

Fabian Thoma: Wir haben die Mitarbeiter, die in der Verwaltung tätig sind, in zwei Gruppen eingeteilt, die wechselweise im Homeoffice und im Büro sind. Wir haben sichergestellt, dass auf den Rettungswachen nur das diensthabende Personal anwesend ist und die Besatzungen bei den Dienstwechseln unnötigen Kontakt vermeiden, wo dies möglich ist. 

#Was hat sich für die Rettungsdienstmitarbeiter sonst noch verändert?

Jens Grusdt: Pro RTW sind in einer Schicht zwei Mitarbeiter als Team eingeteilt. Bei vier Fahrzeugen sind das in der Tageschicht acht Personen inklusive Notarzt, die sich in der Rettungswache aufhalten. In Nidda sind es vier, in Ortenberg, Gedern und Kefenrod sind es jeweils zwei. Beim Schichtwechsel in Büdingen treffen 12 Mitarbeiter aufeinander. Die Schichtübergabe haben wir auf ein Minimum beschränkt. In der Büdinger Wache verfügen wir über gute räumliche Voraussetzungen, so dass die acht Mitarbeiter in der Tagschicht ausreichenden Abstand voneinander halten können. 

Fabian Thoma: Die Teampartner können sich natürlich nicht aus dem Weg gehen, aber die einzelnen Teams sind in der Lage, entsprechenden Abstand zu halten. Das ist nicht ganz einfach, wenn man Krankheits- und Urlaubsvertretung und den Schichtdienst bedenkt. Wir sind darauf angewiesen, dass die Mitarbeiter den Ernst der Lage erkennen und entsprechend agieren. 

Jens Grusdt: Zudem hält das Gesundheitsamt Kontakt zu uns, zu unseren Teams und fragt nach Einsätzen mit infizierten Personen ab, wie sich der Kontakt genau gestaltete. Wenn es keinerlei Anhaltspunkte für eine Infektion gibt, bleiben die Teams im Dienst.

#Haben die Rettungsdienstmitarbeiter Verständnis für die Veränderungen?  

Jens Grusdt: Die Solidarität unter den Kollegen ist groß. Sie bringen viel Verständnis auf für das, was wir umorganisiert haben. Dabei mussten sie sich stark umstellen. Das Wachenleben ist sehr familiär. Es wurde bis zu den coronabedingten Maßnahmen regelmäßig zusammen gefrühstückt, auch zusammen gekocht. Wir sind ein gutes Team, alle verstehen sich.

#Mittlerweile sind einige Lockerungen in Kraft getreten, weitere in Aussicht gestellt. Welche Folgen erwarten Sie?

Jens Grusdt: Ich bin gespannt, ob es zu einem Anstieg von Infektionen kommt. Das ist völlig offen. Man kann immer erst am Ende einer Situation sagen, ob die getroffenen Maßnahmen die richtigen waren. Bis jetzt kann man sagen: Sie waren nicht falsch, weil sie uns im Rettungsdienst gute Arbeitsbedingungen ermöglicht haben. Wir werden sehen, ob die Menschen sich an Maßgaben wie das Tragen eines Mundschutzes auch in einigen Wochen oder Monaten noch halten oder ob die Disziplin nachlässt.